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Kindersprechstunde

Kinderorthopädie

Die "Kinderorthopädie" befaßt sich mit der Vorsorge, Erkennung und Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen der Stütz- und Bewegungsorgane während des Kindes- und Jugendalters.

Die Vergangenheit

Die Wiege der Orthopädie ist die Kinderorthopädie. In seinem Buch “´L´orthopèdie ou l´ art de prèvenir et de corriger dans les enfants, les difformitès du corps" hat Nicolas Andry 1741 den Begriff "Orthopädie" zum ersten Mal gebraucht und damit den Anstoß zur Verbreitung der Orthopädie in ganz Europa gegeben. Mit dieser Wortschöpfung, die von orthos = gerade und paideia = Erziehung ( Kind ) abgeleitet ist, hat er besonders die Prophylaxe von Haltungsschäden bei Kindern im Auge gehabt. Als Symbol für diese Zielsetzung gilt seitdem das junge verwachsene Bäumchen, das an eine Stütze gebunden ist und sich nicht unter Zwang, sondern unter sanftem Druck aufzurichten vermag. Die deutsche Übersetzung dieses lesenswerten Büchleins erschien 1744 in Berlin unter dem Titel "Orthopädie, oder die Kunst, bei den Kindern die Ungestaltheit des Leibes zu verhüten und zu verbessern. Alles durch solche Mittel, welche in der Väter und Mütter, und aller der Personen Vermögen sind, welche Kinder zu erziehen haben". In dem Buch wird man nur wenig von dem finden, was man heute unter den Begriffen "Orthopädie und Traumatologie bzw. orthopädische Chirurgie" versteht. Es ist vielmehr eine Anweisung und ein Ratgeber für Eltern, wie sie ihre Kinder vernünftig und gesund erziehen sollen. Das Gesundheitsbewußtseiwurde damals geprägt von den gesellschaftlichen Veränderungen und dem Geistder Aufklärung. Kinder wurden wie kleine Erwachsene betrachtet und behandelt. Eingezwängt in enge Kleider und in Schulbänke wurden dem Bewegungsdrang zahlreiche Grenzen gesetzt. Andry hat nicht nur die Zusammenhänge zwischen diesen Zwängen und der Entstehung von Fehlhaltungen und Fehlformen erkannt" sondern auch Wege zu deren Überwindung auf gezeigt. Damit ist Andry zugleich der Vater der präventiven Orthopädie.

Die Ziele der präventiven Orthopädie wurden zu nächst langsam, aber stetig realisiert. 1780 wurde in Orbe (Schweiz) ein erstes orthopädisches Institut gegründet. In Deutschland folgte 1816 das Würzburger Orthopädische Institut mit Heilanstalt. Einen erneuten Schub erfuhr die lKinderorthopädie gegen Ende des 19. Jahrhunderts" als in der lndustrialisierungsphase abermals eine Zunahme von Haltungsschwächen bei Kindern beobachtet wurde, wie dies schon von Andry be schrieben worden war. Sozial niedere Schichten waren besonders betroffen. Dies gab Anstoß für eine allgemein körperertüchtigende Erziehung in speziellen Instituten für Leibesübungen (Zander-lnstitute).

Wegen der großen Zahl schwerster Erkrankungen der Haltungs- und Bewegungsorgane im Kindesalter ( Rachitis, Tuberkulose" Osteomyelitis und Poliomyelitis) wurden um die Jahrhundertwende große orthopädische Kliniken gebaut, in denen nicht nur die oft langwierige Behandlung gewährleistet" sondern darüberhinaus auch die Übernahme in rehabilitative Einheiten dieser Kliniken möglich war. Rehabilitation war zu dieser Zeit "Krüppelfürsorge" und die Kliniken waren "Krüppelanstalten". Die Namen der entsprechenden Kliniken sprechen von einer Zeit, in der die Kinderorthopädie in Deutschland besonders ausgewiesen war. Oskar und Helene Pintsch gründeten 1906 in Berlin eine Stiftung, die das Oskar-Helene-Heim errichtete. Als dessen erster Leiter war Konrad Biesalski besonders um die Kinderorthopädie bemüht. In Heidelberg wurde 1913 das erste Landeslkrüppelheim unter der Leitung von Oskar Vulpius gebaut" der sich als Chirurg um die Einrichtung ambulanter und stationärer Versorgungs- stätten für Kinder mit orthopädischen Erkrankungen verdient gemacht hat. Zunächst wurde eine Ambulanz geschaffen für "Leiden, die eine besonders mühsame und zeitraubende Behandlung verlangen". Darin wurden Kinder mit Wirbelsäulenverbiegungen, Schiefhals, Klumpfüßen, Gelenkentzündungen und spastischer Lähmung betreut. Später wurde das Konzept für eine Gesamtrehabilitation behinderter Kinder und Jugendlicher auf mustergültige Art und Weise im Wielandheim verwirklicht. Dieses wurde für die soziale Betreuung Schwerbehinderter mit integrierter privater Heimsonderschule, gewerblicher Berufsschule und Ausbildungsmöglichkeiten zum Schuhmacher, Herrenschneider, Korb- und Möbelflechter, Bürokaufmann und Gärtner der orthopädischen Klinik angegliedert. Die Rehabilitation der Kinder war damit nach noch heute gültigen Gesichtspunkten in einer Hand möglich. Der Name des Heimes wurde symbolhaft gewählt: Nach einer der ältesten germanischen Heldensagen der Edda wurde Wieland, der kunstreiche Schmied, von einem goldgierigen König gefangen, auf den Rat der Königin gelähmt und zu kostbaren Schmiedearbeiten gezwungen. Wieland aber rächte sich an den beiden Königssöhnen, bevor er sich lachend mit Hilfe seiner selbstgeschmiedeten Flügel über seine Häscher erhob und davonflog .

Nichts zeigt anschaulicher, daß die Orthopädie originär auch ein rehabilitatives Fach ist. Ähnliche Ausbildungs- und Wiedereingliederungsstätten für Jugendliche waren auch anderen großen Kliniken (z. B. Münster: Hüfferstift, Ludwigsburg: A.H.Werner´sche Anstalten, Würzburg: König-Ludwig-Haus, Magdeburg: Pfeiffer´sche Anstalten etc.) angegliedert.

Die Gegenwart

Wenngleich die Orthopädie aus der Kinderorthopädie hervorgegangen ist, so sind doch die Prinzipien der Orthopädie des Wachstumsalters selbst erst in den letzten Jahren genauer definiert worden.

Noch vor 30 Jahren wurden kinderorthopädische Erkrankungen wie solche des Erwachsenen behandelt. Über die Dynamilk der Wachstumsvorgänge und die sich daraus ergebende Plastizität des Skeletts war wenig bekannt, obwohl Andry lange zuvor darauf hingewiesen hatte, daß sich "das junge Bäumchen noch biegen läßt, das alte aber nicht mehr". Die späten Behandlungsversuche bei Hüftgelenkluxation, Skoliose und anderen Skelettdeformitäten waren daher meistens erfolglos (Abb. 1.3) mehr noch, die Psyche der Kinder blieb bei den oft eingreifenden Methoden und einet langfristigen Hospitalisierung nicht unbehelligt. "Kinder sind keine kleinen Erwachsenen" - diese Aussage ist erst in den letzten 30 Jahren durch neue Erkenntnisse und das Resultat intensiver Forschung untermauert worden.

Eine wesentliche Errungenschaft der Kinderorthopädie ist die Früherkennung von Erkrankungen" denn je früher die Diagnose gestellt und die Therapie begonnen wird, um so günstiger ist die Prognose. Dieser Trend ist auch heute noch nicht abgeschlossen, da sich sogar aus der pränatalen Diagnostik neue Aspekte für orthopädische Erlkrankungen ergeben.

Die diagnostischen Methoden sollen möglichst wenig invasiv sein und das Kind nicht belasten. Je früher allerdings die Diagnose gestellt wird, um so häufiger sind Orthopäde und Pädiater mit der morphologischen und funlktionellen Vielfalt des Wachstumsalters konfrontiert.

Die prognostische Bewertung von Erkrankungen und Verletzungen im Wachstumsalter gehört daher zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Kinderorthopädie. Sie ist nur möglich, wenn die Gesetze der Physiologie des Wachstums und auch der psychomotorischen Entwicklung des Kindes bekannt sind.

Andererseits sind unkritische Operationsindikationen ebenso problematisch ; denn bei jedem Eingriff müssen alle Auswirkungen auf das Wachstum bedacht werden (Abb. 1.4). Die meisten Erkran- kungen dürfen eben nicht wie die des Erwachsenen behandelt werden.

Das Kind steht am Anfang seines Lebensweges. Mit dem notwen- digen Wissen über Wachstum und Reifung können viele Erkran- kungen ausgeheilt oder zumindest günstig beeinflußt werden. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie sehr die Qualitätssicherung von der Sicherung der Qualität der Ausbildung abhängig ist.

Um die qualifizierte Ausbildung in der Kinderorthopädie bemühen sich weltweit Gesellschaften für die Orthopädie im Kindesalter; denn die zunehmende Spezialisierung der Medizin hat längst auch die Orthopädie erfaßt.

In Europa hat die Kinderorthopädie in den südeuropäischen Staaten seit langem einen festen Stellenwert. Hier gibt es bereits seit vielen Jahren kinderorthopädische Kliniken und Abteilungen. In diesen wird der Arzt auf dem Gebiet der Kinderorthopädie nach einem festen Curriculum ausgebildet. Ausbildung und qualitätssichernde Maßnahmen werden durch nationale Gesellschaften der Kinderorthopädie reguliert. Besonders hervorgetan haben sich die Nationalen Vereinigungen aus Frankreich, Italien und Spanien. Aus diesem Bereich kam daher auch der Anstoß für die Gründung einer europäischen Gesellschaft für Kinderorthopädie ( European Pediatric Orthopaedic Society, EPOS), die sich 1980 in Paris konstituierte. Die europäische Gesellschaft umfaßt mittlerweile Vertreter aus 27 Nationen mit ca. 100 aktiven Mitgliedern. Die jährlich stattfindenden Tagungen werden in den verschiedenen Ländern Europas abgehalten.

In Deutschland wurde 1988 die Vereinigung für Kinderorthopädie gegründet, in der sich Spezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengetan haben. Sie bemüht sich um die Interessensvertretung dieses Gebietes und um die qualifizierte Ausbildung in den Kliniken. Ein verbindliches Curriculum für die Ausbildung auf dem Gebiet der Kinderorthopädie gibt es in der Bundesrepublik Deutschland bisher jedoch nicht.

International hat die Nordamerikanische Gesellschaft für Kinderorthopädie (Pediatric Orthopaedic Society of North America, POSNA) ein besonderes Gewicht. Die Ausbildungsregelungen in den USA und Kanada sind etwa denen in den südeuropäischen Staaten vergleichbar; mindestens 6 Monate der Ausbildung zum Orthopäden müssen in einer kinderorthopädi schen Abteilung stattfinden. Ohne eine qualifizierte Ausbildung ist es in Nordamerika kaum möglich, Kinder- orthopädie zu betreiben, da durch die landestypische Rechtsprechung die Qualität der Ausbildung zur Richtschnur für die Berufsausübung gemacht wird.

Auszug aus dem Buch “Kinderorthopädie”.
Autor: Fritz U. Niethard
Mit freundlicher Genehmigung

Behandlung von Kindern mit Entwicklungs- und Bewegungsstörungen

Sensomotorische Integrationsstörungen

Hier geht es um Kinder mit Wahrnehmungsstörungen, die bestimmte Bewegungen nicht zielgerichtet ausführen können und Entwicklungsdefizite aufweisen.

Der motorische Regelkreis ist gestört:

Rezeptoren = Sinnesorgane (Sender + Empfänger) in Geweben, die Informationen weiterleiten. Das gesamte Zusammenspiel wird Propriozeption genannt.

Wie können solche Kinder auffallen?

  • Entwicklungsverzögerung
  • Schlafstörung
  • Überaktivität
  • Störung der Grob- und Feinmotorik
  • Gangstörung
  • Häufiges Hinfallen
  • "Tollpatsch"
  • reizbar, aggressiv
  • geringes Selbstwertgefühl
  • schlechte Selbsteinschätzung
  • leicht ablenkbar
  • distanzlos
  • Konzentrationsschwäche
  • Leistungsabfall in der Schule

Wie können wir eine sensomotorische Integrationsstörung feststellen?

  • Reflektorische Entwicklungsuntersuchung
  • Fragebogen für die Eltern über das Leistungsvermögen (siehe Entwicklungsgitter nach Kiphard)
  • Motorischer Test (Motokybernetik nach Coenen) mit 18 vordefinierten Übungen, zum Beispiel
    1-Bein-Hüpfen, Purzelbaum, Hampelmannsprung, ... mit standardisierter Bewertung
  • Beobachtung über Krankengymnastinnen oder Lehrer bei Schuluntersuchungen

Behandlungsmöglichkeiten

Unser Ziel ist grundsätzlich die Verbesserung der Wahrnehmung und nicht das wiederholte Üben der falsch eingeschliffenen Bewegung. Die Meldung im Regelkreis muss von den Rezeptoren zum Gehirn ungestört und unverfälscht gelangen.

Chirotherapie

Beseitigung von Bewegungsstörungen, sogenannten Blockierungen

Effekte:

a) Wirbelsäule und Gelenke können in alle Richtungen frei und schmerzfrei bewegt werden.

b) Die Rezeptoren der Gelenke, Muskeln und Sehnen geben bei und nach Lösung der Blockierungen unverfälschte Informationen an das Gehirn.

Es resultiert eine zielgerichtete Bewegung.

Eine lokale Sonderrolle spielt hier die obere Halswirbelsäule ("Kopfgelenke" und Nackenrezeptorenfelder), da hier viele wichtige Rezeptoren und Nervenumschaltstellen zwischen Gehirn und Peripherie liegen.

Eine zeitliche Sonderrolle spielt das Säuglingsalter, da das Nervensystem noch nicht ausgereift ist.

Hat ein Säugling Blockierungen, erhält das Gehirn ständig falsche Informationen von den Rezeptoren. Bewegungen werden somit falsch erkannt und falsch abgespeichert.

Solche Kinder lernen zwar auch Stehen, Gehen, Rennen, usw., aber meist etwas verspätet und in minderer Qualität.

Kinderorthopädie
Georg Thieme Verlag
Stuttgart
1997
ISBN 3-13-106591-5
http://www.thieme.de