Bechterewsche Erkrankung
(Spondylitis ankylosans)
Historische Ausgrabungen und Untersuchungen an Mumien zeigen, daß der Mensch schon vor Jahrtausenden an ,,Morbus Bechterew“ erkrankte: Charakteristische Schäden hat man an menschlichen Skelettanteilen aus dem alten Ägypten wie auch aus der europäischen Steinzeit gefunden. Erst anderthalb Jahrtausende nach Galen (130 bis 200 n. Chr.) beschrieb der irische Medizinstudent Bernard Connor (1695) ein in Frankreich gefundenes Skelett, dessen Becken, Kreuzbein, die 15 untersten Wirbel und die zugehörigen Rippen vollständig verwachsen waren.
Die Entdeckung des HLA-Systems und hier die enge Verbindung von HLA-B27 und Morbus Bechterew ließen das ,,Syndrom Morbus Bechterew“ seit Mitte der 70er Jahre zur Grundlage aller Forschungen über eine neugebildete Krankheitsgruppe werden: der Spondarthritiden*.
*Spondarthritis = Entzündliche Erkrankung von Wirbelsäule und Gelenken
Die Krankheit beginnt in der überwiegenden Zahl aller Fälle zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr, seltener schon vor oder während der Pubertät, noch seltener jenseits des 40. Lebensjahrs. Charakteristisch sind von der unteren Lendenwirbelsäule ausgehende ischialgiforme Schmerzen, die ein- oder beidseitig und - sehr typisch - wechselnd ausstrahlen und nicht selten in der Kniekehle ,,wie abgeschnitten“ aufhören. Sehr wichtig: Diese Schmerzen bessern sich bei Bewegung. Atemabhängige, durch Husten und Niesen verstärkbare Schmerzen, flüchtige und wechselnde Schmerzen am Brustbein, im Nacken, am Sitzbein oder an den Fersen sind ebenfalls Frühsymptome. Besonders charakteristisch ist der nächtliche Ruheschmerz, der den jungen Patienten gegen 3 bis 4 Uhr morgens früh aufweckt und ihn zwingt, das Bett zu verlassen und sich zu bewegen. Etwa in einem Drittel aller Fälle können sich auch durch Entzündungen verursachte Schmerzen in großen oder kleinen Gelenken entwickeln. Das ,,Loch in der Straße-Zeichen“ ist ein typisches Frühsymptom: Tritt der Patient versehentlich in ein Loch in der Straße, so führt die heftige Abwärtsbewegung an den Kreuz-Darmbeingelenken zu Schmerzen. Diese Frühsymptome
Auch heute noch ist die Entzündung der Kreuz- beginnen meist schleichend und langsam, nur sehr selten akut. Darmbeingelenke, "der Schlüssel" zu diesem Bereits in diesem Stadium können Störungen des Algemeinbefindens Krankheitsbild. wie Gewichtsverlust oder Müdigkeit eintreten. Wenn auch als
Vorzeichen selten, so ist die ohne erkenntliche Ursache immer wieder auftretende Regenbogenhaut- entzündung (Iritis) eines jungen Patienten manchmal wegweisend für die Diagnose “Morbus Bechterew“.
Normalerweise greift die Entzündung nach oben aufsteigend von den Kreuz-Darmbeingelenken auf höhergelegene Wirbelsäulenabschnitte über. Die Lendenwirbelsäule wird geradegestellt - die Brustwirbelsäule versteift später in Rundrückenstellung, die Halswirbelsäule wird übermäßig gestreckt. Entwickeln sich über die überwiegend vom Zwerchfell ausgehende Atmung auch noch ein sogenannter Kugelbauch und ein Gang mit kurzen Schritten und wird der Körper beim Schauen nach links oder rechts mitbewegt, ist das charakteristische Erkrankungsbild vollständig. Sind die Hüftgelenke frei beweglich, ist das Bücken noch gut möglich. Meist sehr spät wird die Beweglichkeit der Halswirbelsäule eingeschränkt. Schmerzen können auch durch Entzündungen von Sehnenansätzen an Knochen entstehen. In späteren Stadien ist die Atmung (Rippenwirbelgelenke, Brustbeinrippengelenke) eingeschränkt.
Sehr oft führt der Krankheitsverlauf allerdings nur zu einer geringen Versteifung der Wirbelsäule, und sehr wichtig - der Morbus Bechterew kann in jedem Stadium stehenbleiben und ausheilen.
Diesen häufigen gutartigen Verläufen mit unterschiedlich ausgeprägten Schmerzschüben und fast fehlender Versteifung steht ein chronisch-schubweiser Verlauf mit erheblichen Funktionseinbußen in zwei bis drei Jahrzehnten sowie ein - sehr seltener - schlechter Verlauf mit Versteifung schon nach wenigen Jahren, Beteiligung innerer Organe und Gelenkentzündungen gegenüber.
In etwa 30 - 40 % aller Erkrankungen bleibt die Entzündung auf die Wirbelsäule beschränkt. Leider erkranken in der Mehrzahl der Fälle aber auch Sehnenansätze und Gelenke. So wird die Beweglichkeit der Hüftgelenke etwa bei einem Drittel aller Bechterew-Patienten eingeschränkt; etwa die Hälfte erkrankt an einem oder mehreren Sehnenansätzen (Fersen, Sitzbein). Da der Morbus Bechterew durch eine Entzündung im ganzen Körper entsteht und ,,in Schwung gehalten wird“, können auch nichtknöcherne Organe wie die Augen sowie - allerdings sehr selten - das Herz, die Hauptschlagader, die Lungen oder auch die Nieren erkranken.
Abrupt einsetzende Lichtscheu, Tränen und Rötung des Auges, Schmerzen, Sehkraftverminderung zeigen eine Regenbogenhautentzündung an. In diesem Fall braucht der Patient so früh wie möglich die fachärztliche Behandlung. 20 - 30 % aller Morbus Bechterew-Patienten leiden unter dieser typischen Augenentzündung, die in der Regel einseitig, in seltenen Fällen auch an beiden Augen zugleich oder aber auch ein- oder mehrere Male nacheinander an beiden Augen auftritt.
Vor allem chronische Krankheiten lassen manchmal genaue Der Übergang von der Brust- zur Lendenwirbel säule erkrankt meist als erster Wirbel- Voraussagen nicht zu; so auch der Morbus Bechterew. Allerdings
gibt es doch prognostische Gesichtspunkte für einen ungefähren säulenabschnitt.Verlauf: Junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, deren Gelenke
schon anfangs miterkranken, sind von einem rascheren Fortschreiten bedroht. Sind stammnahe und periphere (kleinere) Gelenke mitbetroffen, können die Arthritiden in einzelnen Fällen Funktionen deutlich einschränken. Die Lungenfunktion bleibt durch die Vergrößerung der Beweglichkeit des Zwerchfells nach oben und unten in aller Regel auch bei totaler Versteifung des Brustkorbs erhalten. Die sehr seltenen Schäden an den Lungen, dem Herz oder an der Niere sind prognostisch natürlich gesondert zu betrachten. Rechtzeitig und ausreichend behandelte Regenbogenhautentzündungen schränken die Sehkraft nur selten bleibend ein. Nach dem 50. Lebensjahr kommt der Morbus Bechterew häufig weitgehend zum Stillstand.
Wenn sich auch das Verhältnis der Häufigkeit des Morbus Bechterew zwischen Männern und Frauen in den letzten Jahren von 10:1 auf 4:1 verändert hat, gilt dennoch auch heute noch die Aussage,
daß diese Krankheit beim weiblichen Geschlecht seltener ist als beim männlichen. So verläuft sie bei Frauen meist gutartiger, sehr oft “bleibt es” bei einer Entzündung der Kreuz-Darmbeingelenke.
Eine Ausnahme stellen Krankheitsverläufe mit bei Bechterew-Patientinnen leider nicht seltener Gelenkbeteiligung dar. Im Gegensatz zur c.P. bessert eine Schwangerschaft den Verlauf des Morbus Bechterew nicht (auch hier Ausnahme: Morbus Bechterew mit Gelenkbeteiligung). Bechterew-Patientinnen erleben fast immer einen normalen Geburtsvorgang. Sind die Hüftgelenke betroffen, kann ein Kaiserschnitt nötig werden. Tritt die Krankheit bei Kindern im Alter von 5 - 16 Jahren auf, spricht man von einer jugendlichen Oligarthritis*.
*betroffen sind nur einige, wenige Gelenke
Die Band- und Knorpelverbindung zwischen den
vorderen Schambeinästen (Symphyse) kann ent-
zündlich reagieren.
Diese besondere Verlaufsform greift meist die Gliedmaßengelenke zuerst an; erst später erkranken Kreuz-Darmbeingelenke und Wirbelsäule. Buben erkranken 8 - 9mal häufiger als Mädchen. Auch im Rahmen dieser Verlaufsform ist eine Regenbogenhautentzündung nicht selten.
Halswirbelsäule bei chronischer Polyarthritis
Es ist vielfach nicht bekannt, daß im Verlauf einer c.P. die Halswirbelsäule häufig miterkrankt. Das Röntgenbild deckt dort häufiger als in jedem anderen Gelenk Entzündungsanzeichen auf (!).
Wie auch im Gelenk beginnt der Krankheitsprozeß in der Gelenkinnenhaut (z.B. der Kopfgelenke, der kleinen Zwischenwirbelgelenke), breitet sich auf den Knorpel aus, lockert und unterminiert den Bandapparat. Zu welchen Veränderungen kann das im Halswirbelsäulenabschnitt führen? Zu:
- Veränderungen in den Gelenken zwischen Schädel
und erstem Halswirbelkörper; - Verschiebungen zwischen erstem und zweitem
Halswirbelkörper (atlantoaxialen Sub/Dislokationen); - zum sogenannten Stufenleiter-Phänomen (das heißt
einzelne Halswirbelkörper sind gegeneinander verschoben); - zur Osteoporose (Entkalkung)
Das Fehlen von Beschwerden ist im Rahmen der Arthritis der Halswirbelsäule nicht ungewöhnlich. Wenn der Dens (ein Teil des zweiten Halswirbelkörpers) und der Atlas (der erste Halswirbelkörper) über ein gewisses Maß voneinander abweichen (atlantoaxiale Dislokation), können neurologische (Kompression des Rückenmarks) und andere Komplikationen (durch die Verengung der Strombahn einer Arterie, die den Kopf mit Blut versorgt) entstehen: Mißempfindungen an den Gliedmaßen, Nacken- und Hinterhauptschmerzen, Drehschwindel und andere Gleichgewichtsstörungen. Hör- und Schluck- sowie Sensibilitätsstörungen (Kälte, Wärme, Schmerz) können sich entwickeln. Die häufigen vorderen Verschiebungen verursachen den Schmerz im Nacken und am Hinterkopf. Er kann in den vorderen und/oder Schläfenbereich aufsteigen und hinter die Augen ausstrahlen. Die Patienten empfinden in beiden Armen neben den geschilderten Mißempfindungen Taubheit sie schätzen Wärme und Kälte falsch ein und erleben elektrizitätsähnliche Empfindungen. Alle diese Befunde sind dann für den Befall der oberen Halswirbelsäule charakteristisch, wenn sie durch plötzliche Bewegungen des Kopfs und Nackens oder durch Zug ausgelöst werden.
Verschleißbedingte (degenerative) Wirbelsäulenveränderungen
Lokale Wirbelsäulensyndrome
Als lokal bezeichnet man die Erkrankung der Wirbelsäule mit Schmerzen, die sich, ohne auszustrahlen, an einem Ort festsetzen. Typische Anzeichen für ein lokales Wirbelsäulensyndrom sind die nach einigen Stunden Arbeit an der Schreibmaschine oder durch die Zugluft des geöffneten Autofensters entstandenen Schmerzen, die zu einem steifen Hals führen, oder Schmerzen an der Narbe nach einer Bandscheibenoperation.
Pseudoradikulare Wirbelsäulensyndrome
Radix = die Wurzel, pseudo falsch: Pseudoradikulär sind die Krankheiten der Wirbelsäule, die sich scheinbar (also nicht wirklich) an das Ausbreitungsgebiet einer Nervenwurzel (Radix) halten und so ihre Schmerzen imitieren. In Wirklichkeit liegen ihnen aber keine die Nervenwurzeln bedrängenden Ursachen zugrunde. Sehr viele, unterschiedlich entstandene Wirbelsäulenveränderungen können zu solchen pseudoradikulären Schmerzen führen. So verursachen die Hohenverminderung der Zwischenwirbelscheibe und die danach folgende Gefügelockerung mit Schub- und Scherbewegungen Zerrungen an den langen Wirbelbändern und knöchernen Ausziehungen - letztlich die Arthrose der kleinen Zwischenwirbelgelenke. Ausdrücklich muß darauf hingewiesen werden, daß viele röntgenologisch eindrucksvolle degenerative Wirbelsäulenveränderungen zwar die Beweglichkeit einschränken, aber keine Schmerzen verursachen.
Jeder Halswirbel besitzt an seiner oberen Fläche zu beiden Seiten leistenförmige Erhebungen, die sogenannten Hakenfortsätze. Zwischen ihnen liegt die Zwischenwirbelscheibe wie in einem Sattel. Bei verschleißbedingtem Zusammensinken der Bandscheibe können sich an diesen Hakenfortsätzen sehr früh Knochenwucherungen und Deformierungen entwickeln, die dann die Spinalnervwurzel und die sie begleitenden Gefäße im Zwischenwirbelloch bedrängen.
Das Leitsymptom der an der Lendenwirbelsäule entstehenden Syndrome sind die Kreuzschmerzen, die Ausdruck vielfältiger und sehr unterschiedlicher Störungen sein können: des lumbalen Bandscheibenschadens, statischer Wirbelsäulenfehler, von Fehlern in der Beckenstatik, der Entkalkung (Osteoporose) der Wirbelsäule usw. Sehr viele Beschwerden sind auch muskulär oder durch Bänder verursacht: Unsere Muskulatur kämpft ständig gegen verschleißbedingt entstandene abnorme Beweglichkeit eines gelockerten Wirbelbandscheibensegments an: Sie verkrampft sich und entwickelt einen Muskelkreuzschmerz, der sich als Dauerschmerz durch Überlastung oder akut als Lumbago (Hexenschuß) äußert.
Radikuläre Wirbelsäulensyndrome
Beim ßandscheibenvorfall quillt durch einen hinten/oder seitlich gelegenen Riß im Faserring Gallertkerngewebe nach außen in den Wirbelkanal bzw. in das Zwischenwirbelloch und kann so die Spinalnerven irritieren. Am häufigsten fallen Teile des Gallertkerns in der Höhe der Lendenwirbelkörper IV/V und des Lendenwirbelkörpers V / Sakralwirbelkörpers / vor . Entsprechend dem Ausmaß der Kompression sensibler oder motorischer Nervenwurzeln entstehen leichtere oder schwere neurologische Symptome: Die neurologische Untersuchung identifiziert das betroffene Wirbelsäulensegment.
Fehihaltungen der Wirbelsäule
Der Arzt unterscheidet zwischen normaler Haltung, Fehlhaltungen und Fehlformen. Er spricht von Haltungsschwäche und Ha/tun gszerfall. Ungenügend sind Ausdrücke wie ,,schlechte“ oder ,,gute“ Haltung. Der Normalhaltung entspricht - seitlich betrachtet - die Form eines harmonischen S.
Fehlhaltungen sind dauernde Abweichungen von der normalen Haltungsform. Sie sind aber noch nicht endgültig starr, sondern lassen sich noch ausgleichen: Sie lassen sich durch aktives Muskeltraining korrigieren und haben noch nicht unbedingt krankhaften Charakter, können aber immerhin Beschwerden verursachen. Wir unterscheiden den Rundrücken, den Hohlrundrücken, den Flachrücken und die skoliotische Schiefhaltung. Der totalrunde Rücken ist großbogig nach hinten ausgeformt, die normale Krümmung der Lendenwirbelsäule ist abgeflacht. Der hohlrunde Rücken zeigt eine verstärkte Krümmung der normalen S-Schweifung der Wirbelsäule. Der Flachrücken ist durch den ausgeprägten Verlust der normalen Krümmung der Lendenwirbelsäule charakterisiert. Diese Fehlhaltung ist prognostisch für den Patienten sehr ungünstig und führt frühzeitig zu Schmerzen.
Im Unterschied zu diesen Fehlhaltungen sind Fehiformen abnormale Wirbelsäulenkrümmungen, die fixiert und nicht mehr korrigierbar sind. So versteht man unter einer verstärkten Kyphose eine krankhafte, dauernde, über das Normale hinausgehende, nach hinten geschlossene Krümmung der Wirbelsäule (Rundrücken). Eine der häufigsten Ursachen einer Kyphose ist die Scheuermannsche Erkrankung. Kyphosen des Erwachsenenalters beruhen entweder auf entzündlichen oder degenerativen Erkrankungen der Wirbelsäule. Die Osteoporose, besonders im höheren Lebensalter, spielt für ihr Entstehen eine große Rolle. Ursachen für den sogenannten Altersrundrücken sind die nach dem Klimakterium einsetzende Osteoporose der Frau, degenerative Veränderungen an den Bandscheiben der Brustwirbelsäule und die in ihrer Folge auftretende Spondylose. Eine verstärkte Lordose ist eine bleibende krankhafte Verstärkung der nach vorne geschlossenen Krümmungen der Wirbelsäule (,,Hohlkreuz“). Krankhafte Geradhaltung zeigt einen vollkommenen oder teilweisen, jeweils verfestigen Verlust der normalen Wirbelsäulenkrümmung. Gerade sie entwickelt frühzeitig Folgeschäden. Ihre erhebliche negative Bedeutung für die Zukunft des Patienten wird allzu oft unterschätzt. Eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule mit einer Drehung um die Längsachse ist die Skoliose.
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auf folgender Homepage:
Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e.V.